Provinz als Chance? – Lesungen, Vortrags- und Diskussionsprogramm

Projektträger: Literaturzentrum Neubrandenburg e. V.

Das Literaturzentrum möchte in einem Ganzjahresprogramm Autoren und Bücher vorstellen, die sich aktuellen gesellschaftlichen Problemen zuwenden, ihre Handlungen aber nicht in Großstadtmilieus, sondern auf dem Land verorten. In diesen literarischen Texten fungiert das Dorf mit seinen überschaubareren Strukturen als Modell für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung, ihre Probleme und Widersprüche. Schon längst sind ländliche Regionen keine friedlichen Rückzugsorte mit intakten sozialen Gemeinschaften mehr –  sie sind es wohl nie gewesen. In Büchern, deren Handlungen in der “Provinz“” angesiedelt sind, werden aktuelle Themen wie Abwanderung, Generationenkonflikte, Flüchtlinge, Demokratiedefizite oder Geschlechterrollen anhand konkreter Beispiele “durchgespielt“”. In 5 Veranstaltungen wird jeweils ein zeitgenössisches literarisches Werk mit Fokus auf die “Provinz” durch die Autorin bzw. den Autor in Form einer Lesung vorgestellt und mit Unterstützung eines Moderators mit dem Publikum diskutiert.

Immer stehen heutige Probleme eines Ortes mit seiner Geschichte in Verbindung, werden gespeist oder kanalisiert durch alte Konflikte, durch Schweigen und Verdrängen. Deshalb ist es interessant, auch einen Blick zurück zu werfen auf die Dorfliteratur der DDR, auf Kontinuitäten und Differenzen in den Darstellungen des Dörflichen. So wie der Kritiker G. Decker in der Rezension zur Verfilmung des Romans “Unterleuten“   (2016) einen Bogen spannte zum Fernsehroman “Daniel Druskat“   (1976), ließen sich anhand weiterer literarischer Paare literarische und gesellschaftliche Entwicklungen beschreiben. Diese vergleichenden Perspektiven sind Gegenstand einer 6. voraussichtlich zweitäigigen Veranstaltung, in welcher 5 Referenten jeweils anhand einer selbstgewählten Paarung aus DDR-Literatur und zeitgenössischen Werken Gemeinsamkeiten und Unterschiede, Brüche und Kontinuitäten in der Imagination der “Provinz” analysieren und mit dem Publikum diskutieren.

Durch die geplanten Veranstaltungen soll das einheimische Publikum bei seinen eigenen Erfahrungen in der Vergangenheit wie auch in der Gegenwart “abgeholt“ und zu einer differenzierten Sicht auf die Prozesse angeregt werden. Die moderierten Diskussionen geben dem Publikum die Möglichkeit, anhand literarischer Beispiele eigene Erfahrungen und Werturteile zu artikulieren, zu bestätigen oder zu hinterfragen, ein breites Spektrum an Wissen und Meinungen einzubringen und vielgestaltige Lebensrealitäten anzuerkennen. Literatur soll dabei als Mittel fungieren, eine Gesprächs- und Diskussionskultur zu befördern, in der Meinungsstreit als anregend empfunden und Meinungsvielfalt als Gewinn erlebt wird.